Märchenwald

Vielleicht lag es an dem doch eher düsteren und verstörenden Setting des gestrigen Rollenspiels (KULT), aber ich war heute ein wenig down und konnte mich zu nichts aufraffen.

Joggen war also nicht, aber nach dem Mittagessen (gemischte Obstplatte, lecker-lecker!) habe ich mich in Wanderkluft und -schuhe geworfen und bin raus in die Natur. Der Wald ist mein Freund, auch wenn das Wetter es nicht ist – wobei es ja heute tatsächlich trocken war (juchuh!). Im Wald ist es, wenn man die stärker besuchten Stellen in der Nähe der Parkplätze und der Burg einmal hinter sich gelassen hat, immer ruhig, aber nie still. Ideal, um mal in sich zu gehen, den Kopf frei zu kriegen und die Nicht-Stille auf sich wirken zu lassen. Für mich ist das Balsam für die Seele und den Geist!

Der Orchelsweiher am Mittag

Der Orchelsweiher am Mittag

Es beginnt schon mit einem Farbrausch, den meine Handykamera leider nicht einzufangen vermag, am Orchelsweiher. All diese wunderschönen, herbstlichen Braun-, Rot- und Gelbtöne!

Und, trotz vollem Parkplatz, kaum jemand hier! Nunja, wird an der Laufenburg vermutlich genug los sein, ist ja noch Mittagszeit.

Also weitermarschieren und dem Wald lauschen, die Luft einatmen und das Farbenspiel der Bäume genießen. Dann einfach mal innehalten und dem Plätschern eines Waldbaches lauschen. Einatmen. Ausatmen. Und fühlen, wie das plätschernde, murmelnde Wasser den Kopf freispült.

Keine Ahnung warum, aber heute ist der Wald für mich ein märchenhafter Ort, an dem eine kleine Fee oder ein Windling zwischen den Bäumen hervorschwirrt, in dem Vögel sich um den schönsten Platz im Baum zanken, wo Trolle im hohen Gras lauern und Bäume wie loderndes Feuer aussehen ohne dabei zu verbrennen.

Bin ich die Einzige, für die dieses Farbspiel nach Feuer aussieht?

Bin ich die Einzige, für die dieses Farbspiel nach Feuer aussieht?

Ich glaube, ich bin heute das erste Mal seit 35 Jahren wieder durch einen Wald gegangen mit den Augen und Ohren des kleinen Mädchens, das Omas Märchenbücher regelrecht verschlungen hat und so furchtbar gerne mit Däumeline auf dem Blatt gesegelt wäre!

Und zum Abschluss, nach rund 2,5 Stunden staunen, wundern und marschieren, werde ich noch daran erinnert, dass die Adventszeit naht und damit auch die Zeit der Plätzchen 🙂

"Et Christkindche es al am backe!"

„Et Chreskendsche es al am backe!“

Für alle Nicht-Rheinländer: Die Bildunterschrift bedeutet in Hochdeutsch: „Das Christkindchen backt schon!“ 😉

Die Welt war schon irgendwie spannender als Kind – Zeit, öfters mit den Augen und Ohren eines Kindes durch die Welt zu gehen. Man verpasst sonst so viele Wunder direkt vor der Haustür – oder über dem Dach!

Abendsonne Schönthaler Hof

 

 

 

Der Schmetterling

Ich starb an einem 3. August, an einem schönen Sommertag. Es war alles wie immer an diesem Samstagmorgen, ich hatte ausgeschlafen und war vor dem Frühstück durch den Wald joggen gegangen.

Besonders an den Sommermorgen machte es viel Spaß, durch das Grün zu laufen: die Vögel sangen, es war von den Temperaturen her sehr angenehm, die meisten Leute waren noch in Bett oder schon mit Einkaufen in den Städten beschäftigt, so dass ich beim Laufen nur wenige andere Menschen traf. Es war ein wenig so, als gehörte der Wald in diesen Momenten nur seinen Bewohnern und mir. Besonders liebte ich die Geräusche des Waldes, das Rauschen des Windes in den Blättern, das Murmeln und Rauschen der kleinen Bachläufe, das Summen der Insekten, hier und da ein Rascheln im Gebüsch oder in den welken Blättern am Boden.

Mir fiel auf, dass heute sehr viele von diesen hübschen orangefarbenen Schmetterlingen mit den braunen Tupfen auf den Flügeln umherschwirrten. Schmetterlinge, fliegende Juwelen in schillernden Farben und der Inbegriff der Leichtigkeit und Freiheit. So sinnierte ich beim Laufen vor mich hin und kehrte schließlich verschwitzt und leicht außer Atem nach Hause zurück.

Nach einer ausgiebigen, warmen Dusche frühstückte ich mit meinem Mann und unseren Katzen. Wir zwei Menschen hatten unseren Tee und Brötchen mit Marmelade und Honig, die Katzen ihr Wasser und Trockenfutter.

„Schatz,“ begann mein Mann, „würde es Dir etwas ausmachen, wenn Du heute alleine zum Einkaufen fährst? Ich würde gerne endlich mal die Papiere in Ordnung bringen und meinen Schreibtisch aufräumen. Wenn ich damit erst nach dem Einkaufen anfange, bin ich vermutlich noch bis heute Abend damit beschäftigt!“

Ich lachte. „Was soll ich dann sagen, mein Schreibtisch ist in weitaus chaotischerem Zustand als Deiner! Aber kein Problem, dann kann ich endlich mal zu dem neuen Supermarkt fahren und mich dort in aller Ruhe umschauen, ohne dass Du anfängst zu drängeln,“ erwiderte ich schmunzelnd. Mein Mann lachte nun ebenfalls und meinte noch „Hey, ich drängle nicht!“, bevor er mir einen Kuss gab. „Danke, mein Schatz!“, fügte er noch hinzu. Wir räumten gemeinsam noch den Tisch ab und alles an seinen Platz, dann packte ich Portemonnaie, Einkaufstaschen und Papiere samt Autoschlüssel, um mich auf den Weg zu machen.

„Bis später – und fahr‘ vorsichtig!“ rief mein Mann mir nach dem Abschiedskuss zu, als ich durch die Wohnungstür in den Flur ging. „Mach‘ ich doch immer! Und Du schneid‘ Dich nicht am Papier!“ antwortete ich lächelnd und drehte mich um. Dann begab ich mich durch die Haustür auf den Hof und marschierte auf den Carport zu, wo unser kleiner roter Wagen bereits auf mich wartete. Die Zentralverriegelung öffnete sich mit dem vertrauten Klacken, ich öffnete den Kofferraum und legte die Einkaufstaschen hinein. Dann begab ich mich nach vorne, öffnete die Fahrertür und setzte mich in das Auto. Es war alles so, wie ich es gestern Abend verlassen hatte. Meine Brille, die ich fürs Fahren brauchte, lag im Etui im Handschuhfach. Ich nahm sie heraus, setzte sie auf, startete den Wagen und fuhr los. Alles wie immer. Kein mulmiges Gefühl, keine düstere Vorahnung, ein ganz normaler Samstagmorgen im Sommer.

Nachdem ich über die Landstraße zur Autobahnauffahrt in Richtung der nächst größeren Stadt gelangt war, beschleunigte ich auf dem dafür vorgesehenen Streifen, um mich anschließend in den unerwartet dichten Verkehr an diesem Morgen einzuordnen.  Im Rück- und Seitenspiegel sah ich, dass ein hinter mir fahrender PKW auf die Mittelspur wechselte, um mir Platz zu machen. Ich wechselte auf den Fahrstreifen zu meiner linken und schaltete hoch. Alles ganz normal, alles wie immer. Nachdem ich genug Geschwindigkeit aufgenommen hatte, wechselte ich auf die mittlere Spur, um den vor mir fahrenden LKW zu überholen, überholte und scherte nach ca. 100 Metern wieder vor ihm ein. Vor mir war wieder ein LKW, aber der war noch gute 800 Meter von mir weg. Ich schloss zu ihm auf, bis ich auf ca. 200 m an ihm dran war. Der LKW hinter mir zog ebenfalls nach, er wurde schneller. Eigentlich wollte ich wieder überholen, aber die Spur links neben mir war voll und auf meinen Blinker reagierte keiner der nach mir fahrenden. Ich drosselte also die Geschwindigkeit, um den Abstand zum LKW vor mir nicht zu klein werden zu lassen. Am LKW vor mir leuchteten plötzlich die Bremslichter hell rot auf, der Fahrer bremste. Er bremste?! ‚Scheisse, warum geht denn der jetzt so in die Eisen?!‘, dachte ich, trat Kupplung und Bremspedal durch und spürte kurz danach das heftige Ruckeln des Antiblockiersystems. Ich schaute nach rechts – ausweichen ging nicht, da war die Leitplanke und links? Die Spur war immer noch voll! Ich blickte in den Rückspiegel und erschrak noch mehr – der LKW hinter mir hatte anscheinend nicht gesehen, was da vor ihm passierte und weder das Gas weggenommen, noch gebremst. ‚Bitte brems‘ doch, bittebitte brems‘!‘, schoss es mir durch den Kopf. Mein Puls raste und panisch blickte ich immer wieder vom Rückspiegel durch die Windschutzscheibe und umgekehrt. Meine Füße hingen wie Blei auf dem Bodenblech, drückten die Pedale mit aller Kraft hinein und ich hielt das Lenkrad so fest umklammert, dass die Fingerknöchel weiß hervortraten und knackten.

Ich hörte das Aufjaulen der Bremsen des LKWs hinter mir und wollte erleichtert aufatmen, als er mit fast ungebremster Wucht auf meinen Wagen prallte. Er hatte endlich gebremst, aber zu spät. Der Aufprall war so heftig, dass der Airbag meines Wagens ausgelöst wurde und der Wagen selbst noch ein Stückchen nach vorne katapultiert wurde. Ich schlug mit dem Kopf nach hinten in die Nackenstütze, um dann nach vorne in den Sicherheitsgurt und mit dem Kopf in den Airbag geschleudert zu werden. Meine Brille brach und ich spürte, wie sich die Kunststoffteile der Gläser und des Gestells in meine Gesichtshaut pressten. Das Blechmonster hinter mir jaulte und quietschte, mein Wagen knirschte  und dann sah ich vor dem in sich zusammenfallenden Airbag, wie der Anhänger des LKWs vor mir sich in die Motorhaube meines Wagens schob. Ein heftiger Ruck und mein Kopf schlug wieder nach hinten, in die Kopfstütze. Der LKW hinter mir schob mich in den LKW vor mir. Dann war da nur noch zersplitterndes Glas vor mir und ich sah die Ladetüren des LKWs vor mir mit dem gelb-blauen Schriftzug auf mich zukommen. Danach kam nichts mehr, keine Geräusche, kein Licht, kein Gefühl, einfach nichts.

Piepen. Monotones, rhythmisches Piepen und monotones, rhythmisches Zischen. Der Geruch von Desinfektionsmitteln. Und ein Gefühl, als würde man in einem Meer aus Watte treiben. Und Dunkelheit. Immer noch Dunkelheit. Ich höre Stimmen. Eine fremde, weibliche Stimme und die Stimme meines Mannes. „Es tut mir leid, aber mehr können wir für sie nicht tun.“, höre ich die Frau sagen. Mein Mann klingt seltsam, er fragt „Aber sie kann doch aus dem Koma erwachen? Manche Menschen sind doch auch nach Jahren wieder erwacht, oder?!“. Trauer, Angst, Verzweiflung liegen in seiner Stimme, darum klingt sie so seltsam. ‚Ich bin wach‘, versuche ich zu sagen und die Augen zu öffnen. Es geht nicht. Ich versuche es nochmal. Wieder nichts. Unbehagen steigt in mir auf, die immer mehr zu Beklemmung und schließlich Panik wird, als ich versuche Finger, Zehen, irgendetwas von mir zu bewegen. Nichts passiert. Gar nichts. Nicht einmal das Piepen des Messgerätes, an das ich angeschlossen bin, verändert sich. Erst jetzt nehme ich wahr, dass meine Brust sich hebt und senkt. Ich werde beatmet. Es fühlt sich an, als würde man mich wie einen Luftballon aufpumpen und dann wieder die Luft ablassen. Es ist fremd und fühlt sich unbequem an.

Die Frau atmet seufzend aus: „Ihre Frau hat ein schweres Polytrauma erlitten, kaum ein Knochen und Organ ist heil geblieben. Selbst ihr Gehirn ist durch den schweren Aufprall stark in Mitleidenschaft gezogen worden, geschweige denn durch die Zeit, die sie nicht medizinisch versorgt werden konnte! Alleine, um sie aus dem Wrack zu befreien hat die Feuerwehr eine Stunde gebraucht. Dass sie überhaupt noch messbare Werte im EEG zeigt und ihr Herz noch schlägt, grenzt an ein Wunder. Wir können nicht sagen, ob und wenn ja, wann Ihre Frau wieder zu sich kommt, so gerne wir auch möchten. Wie Sie, können wir jetzt nur noch auf ein Wunder warten.“ Ich höre, wie mein Mann noch ein „vielen Dank“ gequält hervorbringt und Schritte, die sich entfernen. Eine Tür öffnet sich, die Schritte entfernen sich weiter und die Tür schließt.

Etwas knarrt neben meinem Bett. Ich fühle, wie etwas meine linke Hand berührt. Es ist die Hand meines Mannes. ‚Seltsam, dass man jemanden an seiner Art zu berühren erkennen kann,‘ denke ich. Leises Schluchzen dringt an mein Ohr. Mein Mann weint. Wir sind seit zehn Jahren zusammen, in der Zeit habe ich ihn nie weinen sehen oder hören. Jetzt sitzt er neben mir und weint. Ich möchte so gerne seine Hand nehmen, ihn spüren lassen, dass ich ihn wahrnehme, dass ich noch da bin, dass ich ihn trösten möchte. Aber nichts geht. Meine Finger bewegen sich nicht, meine Augen, meine Lider, meine Lippen, nichts kann ich bewegen. Ich kann keine Laute von mir geben. Ich kann nur daliegen und mich aufpumpen lassen wie ein Luftballon. Ich kann nur da sein. Das ist alles.

„Wäre ich doch mit Dir gefahren und hätte den blöden Schreibtisch am Sonntag aufgeräumt!“, höre ich meinen Mann weinend flüstern. Sein Schluchzen wird heftiger. „Wenn ich nur wüsste, ob Du mich wenigstens hören kannst!“, weint er. Wie gerne würde ich ihm ein Zeichen geben, dass ich seine Hand auf meiner fühle! ‚ICH KANN DICH HÖREN! HÖR BITTE AUF ZU WEINEN!‘, schreie ich innerlich. ‚Alles wird gut, Du wirst sehen, alles wird gut!‘ denke ich und wünsche mir, er könnte meine Gedanken lesen. Aber das kann er nicht. Keiner kann das, wie ich in den kommenden vier Wochen immer wieder feststellen werde. Ich gewöhne mich an das Piepen des Überwachungsgeräts, das Zischen des Beatmungsgeräts, den Geruch nach Desinfektionsmittel. Mein Mann hört langsam auf zu weinen und ich bin froh, denn an sein Schluchzen kann ich mich nicht gewöhnen. Es tut weh. Komisch, es ist das Einzige, was wehtut! Alles andere ist unbequem, beängstigend oder beklemmend – aber nicht schmerzhaft. ‚Die Medikamente, sie werden mich vermutlich mit Medikamenten vollpumpen‘, geht mir durch den Kopf.

Ich spüre, wie sich jemand über mich beugt, höre das Rascheln von Stoff, und dann berührt etwas meine Stirn. Mein Mann küsst mich auf die Stirn, zum Abschied. „Schatz, ich fahre jetzt nach Hause und versorge unsere Katzen. Ich komme bald wieder. Ich liebe Dich!“, höre ich ihn flüstern – bei den letzen drei Worten liegen wieder Tränen in seiner Stimme. Schritte entfernen sich, eine Tür öffnet sich, Schritte, eine Tür schließt sich. Monotones, rhythmisches Piepen,  begleitet vom rhythmischen Zischen. Schritte, draußen, hinter der Türe. Ganz leise zwitschert irgendwo eine Amsel. Ab und zu rattert etwas draußen, jemand betritt das Zimmer, in dem ich liege. Ich höre eine männliche Stimme sagen: „Hallo, Frau Schmitz, ich komme nur schnell nach dem Rechten schauen!“ Schritte nähern sich und ich rieche ein fremdes, süßliches Aftershave. „Hmm, Medikamente haben Sie noch genug und der Tropf hält noch eine Weile. Oh, aber den Urinbeutel mache ich leer, wir wässern Sie ja fleißig, damit Sie uns wieder aufblühen!“ Ich muss innerlich schmunzeln. Der Pfleger klingt ein wenig wie Hape Kerkeling, nicht unsympathisch. Ich höre, wie Flüssigkeit in ein Gefäß rinnt. Die Schritte entfernen sich, eine Tür geht auf und dann höre ich, wie etwas plätschert. Eine Klospülung brüllt regelrecht durch die sonstige Stille im Raum, die Schritte nähern sich wieder. „So, bitte nicht erschrecken, ich schaue nur mal nach, ob wir Sie unten herum sauber machen müssen und ob irgendwo etwas durch die Verbände gesuppt ist,“ erklärt mir der Pfleger, bevor ich spüre wie er die Bettdecke anhebt. Kühle Luft berührt angenehm an einige Stellen meine Haut, aber an den meisten Stellen spüre ich sie nicht. „Na, das ist ja alles noch piccobello!“, flötet der Pfleger und ich fühle, wie er die Bettdecke wieder über mich legt und an den Seiten ein wenig andrückt. ‚Ich bin ja auch ein ordentliches Mädchen!‘, denke ich. Bestimmt lieben die älteren Patientinnen diesen Pfleger, das ist genau der Typ, der mit Omas super zurecht kommt – klingt ein wenig jungenhaft und ist für ein Scherzchen zu haben. Die Schritte entfernen sich wieder und ich höre ein „bis später, Frau Schmitz, ich komme dann nachher nochmal nach Ihnen sehen“, bevor sich die Tür öffnet und die Schritte mit dem Schließen der Türe weiter in die Ferne entschwinden.

Mallorca 2011 112

Und wieder alleine mit dem Piepen, dem Zischen, dem Desinfektionsgeruch und all den Geräuschen, die von einer lebendigen Welt irgendwo weit weg hinter Türen und Fenstern berichten. Und ich liege wieder hier wie ein Luftballon. Ein Luftballon, der denken kann. Mehr nicht. Pfleger, Schwestern und Ärzte behandeln mich wie einen Patienten und reden mit mir. Dann komme ich mir wieder vor wie ein Mensch. Wenn mein Mann mich besucht und erzählt, was ihm am Tage so passiert ist, fühle ich mich fast wie ein Mensch. Aber irgendwie auch nicht. Eher, wie eine Puppe, der ein Kind seine Erlebnisse berichtet. Denn genauso, wie eine Puppe, sehe ich nur aus wie ein Mensch. Ich kann nicht sprechen, nicht lachen, nicht weinen, ich kann nichts bewegen, mich in keinster Weise bemerkbar oder verständlich machen. Ich kann, wie eine Puppe, nur daliegen. Ob Puppen aber auch denken können? Ich kann das. Ich denke an Dinge, die geschehen sind, sehe immer wieder den Ablauf des Unfalls vor mir. Wenn mein Mann mich besucht, stelle ich mir vor, was er heute wohl anhat, wie er aussieht. Ich antworte in Gedanken auf das, was er mir erzählt, was er mich fragt. Aber er sieht mich nur daliegen, wie eine Puppe. Und ich kann mittlerweile fühlen, wie seine Blicke nach einem Lebenszeichen, einer Regung von mir suchen. In seiner Stimme höre ich die Resignation, wenn er nach stundenlangem Erzählen, warten, neben mir sitzen, seinen Abschied murmelt, bevor er mich auf die Stirn küsst und geht.

Meine Mutter ist auch einige Male an mein Bett gekommen und hat sich neben mich gesetzt. Sie erzählte von ihren Erlebnissen, davon, wie sehr sie sich darüber freuen würde, wieder mit mir Shoppen gehen zu können, wie ich als Baby genauso verkabelt im Brutkasten lag und wie sehr sie sich wünscht, dass ich wieder aufwache. Ich wünsche mir jedes Mal, dass ich ihr ein Zeichen der Hoffnung mitgeben könnte, ein Zucken der Lider, eine Bewegung der Finger, ein Seufzen – irgendwas! Aber ich bin gefangen in einem nutzlosen Körper, der wie ein Luftballon aufgeblasen wird, um dann wieder die Luft herauszulassen.

Vier Wochen vergehen, vier Wochen, in denen ich immer wieder versuche, so laut in meinen Gedanken zu schreien, dass es irgendwer doch hören oder fühlen muss! Aber nichts passiert, morgens mittags und abends sehen die Pfleger und Schwestern nach mir, die Ärzte kommen zur Visite und mein Mann, meine Mutter oder meine Schwiegereltern besuchen mich und erzählen von ihren kleinen und großen Sorgen und wie ihr Tag so war. Manchmal kann ich hören, wie der Regen von draußen an die Fensterscheibe klopft. Endlich mal ein anderes Geräusch! Ich hätte nie gedacht, dass ich Regen mal so sehr mögen würde, aber er bringt Abwechslung in meinen Tag. Oft frage ich mich, ob man das Fenster in meinem Zimmer öffnen kann, damit ich die Geräusche von draußen besser hören kann und mal etwas anderes rieche als immer nur diesen typischen Krankenhausgeruch! Wie gerne würde ich wieder Wind auf meiner Haut fühlen, die Wärme von Sonnenstrahlen! Es wäre so schön, den Regen nicht nur hören, sondern auch riechen zu können! Aber ich bin doppelt gefangen, in einem Körper, der mir nicht gehorcht und einem Zimmer, das ich nicht verlassen kann. Ich kann nicht essen, nicht trinken, nicht husten, nicht niesen. Ich kann nur daliegen.

Eines Morgens, es muss wohl ein Wochenende oder ein Feiertag sein, kommt mein Mann wieder zu Besuch. Es hatte die ganzen Tage vorher geregnet, aber jetzt höre ich keinen Regen mehr. Mein Gatte erzählt mir, dass unsere Katze wieder eine lebendige Maus angeschleppt hat und er sie einfangen musste. Und dass in unserem Garten immer noch alles blüht und das Unkraut nach dem ganzen Regen wieder wuchert. „Heute scheint die Sonne aber wieder,“ höre ich ihn sagen, „es wird ein wunderschöner Tag!“ In mir schreit es: ‚Dann mach doch bitte das verdammte Fenster auf, ich will den Regen und die Sonne riechen, den Wind hören, irgendwas!‘

Ich höre, wie er aufsteht und zum Fenster geht. „Weisst Du was, hier ist eine scheiss Luft drinne! Ich mache Dir und mir mal das Fenster auf, wenn das geht.“ Innerlich lache und weine ich gleichzeitig, weil er mich verstanden hat. Endlich Luft, die nicht nach Krankenhaus riecht! Ich höre, wie etwas knarrt und ein schmatzendes Geräusch. Dann spüre ich einen Luftzug über mein Gesicht streichen. Die Luft ist kühl und riecht nach Regen, Staub, Abgasen – einfach herrlich! Und dann weht ein süßlicher Duft herein, wie von diesen schönen Sträuchern mit den dunkelgrünen, glänzenden Blättern und leuchtend gelben Blüten, die oft in Parkanlagen stehen. Es duftet geradezu himmlisch! Ich versuche, durch die Nase einzuatmen und so mehr von diesem Duft aufzunehmen. Aber für mich atmet eine Maschine, die ihren Rhythmus dem meinen nicht anpassen will. Und ich kann meine Lungen nicht dazu überreden, tiefer einzuatmen. Ich kann mich noch immer nicht bewegen.

„Oh, ein Schmetterling!“, höre ich meinen Mann rufen. „Er scheint Dich besuchen zu wollen, er flattert geradewegs auf Dich zu.“ ‚Beschreib‘ ihn mir‘, denke ich so laut ich kann.

„Er ist einer von den hübschen orangefarbenen mit den braunen Tupfen, die bei uns im Wald herumfliegen.“, erklärt mein Mann, ich höre ein Lächeln in seiner Stimme. ‚Schatz, hörst Du mich?!‘, denke ich wieder so laut ich kann.

„Es ist schon verrückt“, so mein Mann, „ich komme seit vier Woche hier her und warte darauf, dass Du irgend ein Lebenszeichen von Dir gibst. Und gerade jetzt habe ich das Gefühl, als bräuchte ich das gar nicht! Es ist, als könnte ich fühlen, was Du willst.“ Ich bin glücklich, so glücklich. Etwas berührt meine Stirn. Mein Mann lacht: „Der Schmetterling hat sich auf Deine Stirn gesetzt. Vielleicht will er Dir etwas sagen!“ Ich lache in Gedanken und stelle mir dieses fliegende Juwel vor, wie es auf meiner Stirn sitzt und die Flügel majestätisch langsam auf und zu klappt. Ich fühle die Leichtigkeit und Freiheit, die sein Leben bestimmt, den Wind, der den Schmetterling trägt und die Sonnenstrahlen, die seinen Körper wärmen. Es ist, als wäre ich selbst der Schmetterling und könnte leicht durch die Luft schweben. Der Schmetterling verursacht einen zarten Lufthauch, als er mit den Flügeln schlägt, um wieder abzuheben. ‚Trägst Du mich zu meinem Mann, damit ich ihm Lebewohl sagen kann und nimmst Du mich dann mit?‘ frage ich ihn in Gedanken. ‚Ich mag nicht mehr in diesem Zimmer und in diesem Körper gefangen sein!‘ Für einen kurzen Moment wird der kaum wahrnehmbare Lufthauch schwächer, als müsste er überlegen. Dann fühle ich mich auf einmal ganz leicht, als wäre ich ein Luftballon – der aber fliegen kann und nicht wieder einfach nur aufgeblasen wird, um die Luft wieder zu verlieren. Ich spüre, wie ich auf meinen Mann zuschwebe und hauche ihm ein ‚Ich liebe Dich! Pass auf Dich auf!‘ zu und dann sind da auf einmal wieder Farben. So viele Farben! Und Licht! Und Wärme! Ich bin frei und schwebe mit dem Schmetterling zum Fenster hinaus. Leise höre ich, wie das monotone, rhythmische Piepen zu einem klagenden, langgezogenen Ton wird. Mein Mann ruft: „Schatz? Schatz!? – Schwester, Schwester!“ In Gedanken rufe ich ihm zu ‚Alles ist gut, wir sind wieder frei! Ich liebe Dich!‘ und dann tauche ich ein in all dieses wunderbare Licht und die Wärme und die Farben.